Amateurfunk am Mettener Gymnasium

"CQ zwei Meter, CQ zwei Meter von Delta Bravo Null Romeo Echo ...", solche seltsamen Sätze hört man seit einigen Monaten aus einem kleinen Speicherzimmer neben der Klosterkirche (früher "hausten" dort die Internatsschüler der Abiturklasse, später wurde es zur immer chaotischer werdenden Rumpelkammer für Gegenstände, die nicht einmal mehr P. Pirmin brauchen konnte, die ihm aber "zu schade zum Wegwerfen" waren). In diesem Dachzimmer hat sich seit September eine Schülergruppe eingerichtet, die sich mit "Amateurfunk" beschäftigt.

Die Initiative ging dabei von den Schülern selbst aus (Kritiker der heutigen Jugend werden dies mit Staunen hören): Kurt Höller (inzwischen K 13) und Beate Einhellig (K 12) "bearbeiteten" mich etwa zwei Jahre lang, so etwas auch in Metten aufzuziehen. Obwohl ich seit 1966 beim "Deutschen Amateur Radio Club (DARC)", der die Interessen der Funkamateure vertritt, Mitglied bin, hatte ich nie Zeit gefunden, selber einmal die Prüfung zu machen. Erst waren es die begrenzten Möglichkeiten im Internat zu meiner Schulzeit, das Abitur, dann die Inanspruchnahme beim Studium und schließlich der Streß des Lehreralltags, die dies verhinderten. Losgelassen hat mich die Sache freilich nie, deshalb bin ich auch dem DARC treu geblieben und habe immer wieder den Amateurfunkern auf den Kurzwellenbändern zugehört.

Trotzdem versuchte ich längere Zeit hindurch die beiden Interessenten abzuwimmeln, schließlich sei die Prüfung recht schwer, die Geräte teuer. Ich hatte auch Scheu, selbst einen Vorbereitungskurs zu halten, sozusagen als Lehrer und Schüler in einer Person. Die beiden ließen nicht locker und fragten unter ihren Mitschülern nach weiteren Interessenten. Herr Hans Einhellig, der Vater von Beate (und zweier weiterer Jungmettnerinnen), erklärte sich zudem bereit, "Betriebstechnik" und "Gesetzeskunde" zu unterrichten und dazu ein- bis zweimal in der Woche nach Metten zu kommen. Nach Durchsicht von Lehrbüchern und Prüfungsfragenkatalog meinte ich dann auch, so viel von Hochfrequenztechnik zu verstehen, um den Teil "Technik" zu unterrichten. Mit Beginn des 2. Halbjahrs begannen wir mit dem Unterricht - etwa drei bis vier Wochenstunden. Insgesamt hatten sich dazu 12 Schülerinnen und Schüler aus den Jahrgangsstufen 10 bis 12 eingefunden. Beate Einhellig hatte die Prüfung schon früher gemacht und war als "Gasthörerin" dabei; unsere damaligen tschechischen Austauschschüler Milos Lippert und Petr Brezina (letztes Jahr in der 10 a), wollen die Prüfung in ihrer Heimat ablegen. Motivierend waren dabei auch Kontakte mit dem Comenius-Gymnasium Deggendorf, wo Amateurfunk schon seit Jahren zum Programm gehört. Die dortigen Lehrkräfte, insbesondere OStR Max Schmausser, haben uns bei einem Besuch alles bestens vorgeführt und jede Hilfe versprochen.

Ich selbst nahm das Angebot von Herrn Einhellig an, in der Woche nach Ostern zumindest am zweiten Teil seines 14-tägigen Kurses im Schullandheim Eichendorf teilzunehmen und dort die Prüfung abzulegen. Die Technik unterrichtete dabei Dipl.-Ing. Wolfgang Hierl, ein hervorragender Fachmann und glänzender Pädagoge. Entsprechend haben auch alle die Prüfung am ersten Schultag nach den Osterferien bestanden und ihr "Rufzeichen" bekommen. Unter diesem gibt man sich beim Funken zu erkennen, bei mir lautet es "DB 2 ERP" bzw. nach dem internationalen Buchstabieralphabet: "Delta Bravo zwei Echo Romeo Papa".

Inzwischen ging es bei unserem Mettener Kurs auch recht gut weiter. Nach einigen schwierigen Terminüberlegungen entschlossen wir uns zu einem zusätzlichen "Intensivseminar" in den letzten Tagen der Pfingstferien im Schullandheim Eichendorf. Dabei wurde nochmals der gesamte Stoff wiederholt und in Tests geprüft. In Metten überraschte uns dann freilich die "Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post" (die die Prüfungen abhält) mit der wenig erfreulichen Mitteilung, daß die Prüfung erst am 22. Juli stattfinden kann - an Pfingsten wären alle schon "perfekt vorbereitet" gewesen. Also galt es, das Wissen durch die wöchentlichen Stunden auf dem Niveau zu halten. Zum Glück sind die Prüfungsfragen bekannt; sie finden sich in einem Heft, das von der "Regulierungsbehörde" herausgegeben wird. Freilich ist der Stoff recht umfangreich. Stures Auswendiglernen hilft nicht weiter, man muß gerade die Technik auch im wesentlichen verstanden haben. Bei der Betriebstechnik und der Gesetzeskunde kommt man dagegen ohne eifriges Lernen nicht weiter: Auf welchen Frequenzen man in welcher Betriebsart senden darf, wie die Rufzeichen der einzelnen Länder heißen, die Kenntnis des Q-Schlüssels (Abkürzungen aus drei Buchstaben, die jeweils mit "Q" beginnen) und einer speziellen Amateurfunksprache (meist Abkürzungen englischer Wörter) erfordern einiges Büffeln. Ebenso fordern die ganzen rechtlichen Bestimmungen ihren Fleiß.

Am Prüfungstag machten sich schließlich per Auto und Bahn die angehenden Amateurfunker auf den Weg nach München zur Prüfung - mit mehr oder weniger Zuversicht, je nach der persönlichen Einschätzung des Wissensstands. Immerhin muß man in allen drei Prüfungsgebieten mindestens 75 der 100 Punkte erreichen. Aber wie bei Schulaufgaben auch: Wer am meisten jammert, hat nachher die besten Noten! Von den neun Prüflingen schafften es acht auf Anhieb; in einem Fall war eine Nachprüfung in einem Teilgebiet nötig, die aber auch geklappt hat.

Durch das Entgegenkommen der Klosterverwaltung und die tatkräftige Mithilfe der klösterlichen Betriebe konnte das genannte Dachzimmer als "Funkstation" hergerichtet werden. Entsprechend der Lizenzklasse 2 (Betrieb auf den Amateurfunkbändern mit Frequenzen über 30 MHz) wurde ein Transceiver (Sende-Empfänger) für 2 m- und 70 cm-Wellen (aus einer speziellen "Elternspende") angeschafft, dazu eine passende Groundplane-Antenne. Ein weiteres Gerät stellte uns Herr Einhellig aus seinen Schätzen zur Verfügung. Inzwischen wird dort eifrig gefunkt, nachdem unter Mithilfe der Schüler einiges altes Mobiliar "angeschleppt" war.

Um was geht es beim Amateurfunk? Es ist dies ein wissenschaftlich-experimenteller Funkdienst, bei dem die Besonderheiten der Ausbreitung elektromagnetischer Wellen vom Kurzwellenbereich bis zu den cm-Wellen untersucht, Geräte entwickelt und gebaut und neue Phänomene entdeckt werden sollen. Amateure haben seit Jahrzehnten entscheidende Schritte zur Erforschung der Funktechnik und der Entwicklung neuer Ideen in der Geräte- und Antennentechnik gemacht. Daher auch die relativ hohen Anforderungen in der Prüfung bezüglich der Kenntnisse aus allgemeiner Elektrotechnik, Hochfrequenztechnik, Empfänger- und Senderschaltungen, Verhindern von Störungen beim Rundfunk- und Fernsehempfang und der Wellenausbreitung.

Ein weiteres wichtiges Ziel des Amateurfunks ist die Völkerverständigung: Auf Kurzwelle kann man - infolge der Reflexion der Wellen an der Ionosphäre - mit kleinen Sendeleistungen "rund um die Welt" kommen. Davor haben aber die (Fernmelde-)"Götter" noch viel Schweiß gesetzt: die Prüfung in Morsetelegraphie - wir haben uns vorgenommen, auch dies zu schaffen, möglichst noch im laufenden Schuljahr, und üben mit (mehr oder weniger) Fleiß!

Wie bei Schulen üblich, haben wir inzwischen auch ein eigenes Rufzeichen für die Schulstation bekommen: DB 0 RE. Es gibt auch schon neue Interessenten, die einsteigen wollen - ein entsprechender Kurs läuft. Um praktische Erfahrungen zu sammeln, können die noch nicht Lizensierten unter dem Ausbildungsrufzeichen DN 4 RB funken - allerdings nur, wenn ich mit dabei bin. Dabei besteht die Amateurfunktätigkeit im Augenblick nur aus Unterhaltungen (QSOs) mit anderen Funkfreunden über allgemeine Dinge wie die technische Einrichtung, das Wetter, private oder berufliche Dinge - aber nur insoweit, als sie "von geringer Wichtigkeit sind und nicht für normale Telephongespräche in Frage kommen"; insbesondere darf man keine politischen Äußerungen machen oder den Amateurfunk anstelle anderer Kommunikationsmittel wie Handy oder Betriebsfunk nutzen.

Als das erste Mal in der Schule vom Amateurfunk die Rede war, kamen Bedenken, ob die Schüler denn dafür auch genügend Zeit hätten. Sie sollten auch nicht zu sehr von den wichtigen Fächern abgelenkt werden. Boshafte Bemerkung eines Fachkollegen über einen der Schüler dazu: "Wenn der N.N. den Amateurfunk genauso eifrig betreibt wie seine Schulfächer, dann hat er sicher genug Zeit!" Ich meine jedoch, daß die Beschäftigung mit der Amateurfunktechnik sich sogar positiv auf Schulleistungen auswirken kann. Physikstoff aus der 10. und 12. Jahrgangsstufe stehen in engem Zusammenhang mit der Prüfungsmaterie. Der erste Teil der 2. Aufgabe des Gundkurs-Abiturs in Physik 1998 war fast reine Amateurfunktechnik (70 cm-Wellen)!

Unsere weiteren Pläne habe ich zum Teil schon angeschnitten: Zuerst - wie gesagt - morsen lernen, um auch auf Kurzwelle "QRV" (d.h. betriebsbereit) zu sein. Interessante Experimentiermöglichkeiten könnten sich auf den weiteren UKW-Bändern bieten. So kann man dort Versuche zur Wellenausbreitung machen, mit selbstgebauten Antennen arbeiten, Parabolspiegel für Wellen im 3 cm-Bereich untersuchen, Fernsehbilder übertragen, Gespräche über Amateurfunksatelliten führen usw. Bau und Beschreibung von passenden Geräten lassen sich auch gut als Facharbeit im Physik-Leistungskurs ausgeben. Über die digitale Betriebsart "Packet Radio" kann man allgemeine oder persönliche Nachrichten in der Art von E-Mails oder wie beim Internet austauschen. Möglicherweise wird in absehbarer Zeit der Wellenlängenbereich von 6 m freigegeben; unter günstigen Bedingungen wäre hier ein Funkverkehr über größere Entfernungen ("DX") möglich.

P. Paul Engelbrecht